»Nächster Halt: Schäferhof.«

Die Worte ließen Melinas Herz schneller schlagen. Der Zug verließ den Tunnel und sie sah die Felder und Wege, die ihr so vertraut vorkamen. Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie diese Umgebung vermisste. Und doch spürte sie, wie eine unsichtbare Macht ihre Brust zusammendrückte, als sie dem Bahnhof näher kam. Die Bremsen des Zuges quietschten auf und sie verloren an Geschwindigkeit.

In der nächsten Kurve erhoben sich vor dem Fenster die ersten Scheunen, gefolgt von Wohnhäusern und dem alten Schulgebäude. Der Kirchturm war oberhalb der Dächer zu erkennen.

Der Zug hielt an und Melina stand auf. Sie schnallte sich ihren Rucksack auf den Rücken und ergriff den Henkel ihres kleinen Rollkoffers. Noch einmal tief durchatmen. Dann verließ sie den Waggon und betrat nach vier Jahren das erste Mal wieder ihre Heimat.

Es war warm, die Sonne hatte sich einen Weg durch die Wolken erkämpft. Hoffentlich würde sie ihnen eine Weile erhalten bleiben.

»Melina!«

Ihr Herz machte einen Sprung. Bevor sie es sich versah, fiel Tammy ihr um den Hals. Beinahe riss es die beiden jungen Frauen von den Füßen, so ungestüm war die Umarmung.

»Es ist so schön, dich wiederzusehen.« Tammy drückte sie noch einmal fest und ließ Melina dann dankenswerterweise los.

Melina betrachtete ihre Freundin lächelnd. Die blonden Haare trug Tammy kurz und strubbelig. Sie war braun gebrannt und ihre Augen strahlten sie an. Freude pulsierte durch Melinas Adern und für einen Moment vergaß sie ihre Sorgen und Ängste. »Du hast dich kaum verändert in den letzten vier Jahren.«

Tammy legte den Kopf schief. »Du dich schon, meine Liebe. Aber nur zum Positiven.« Ein schelmisches Grinsen huschte über ihr Gesicht und bevor Melina es verhindern konnte, wurde sie erneut umarmt.

Zusammen verließen sie den Bahnhof und schlugen den Weg durch eine ruhige Gasse ein, die zum Marktplatz führte. Melina sah sich um. Alles war ihr so vertraut, als hätte sie nicht die letzten vier Jahre in London verbracht. Und doch brachten die Erinnerungen Bilder mit sich, an die sich Melina nicht erinnern wollte. Um sich abzulenken, wandte sie sich an ihre Freundin. »Gibts noch den Eisladen?«

»Klar. Da können wir direkt morgen hin, wenn du magst.« Tammy stockte kurz und als Melina zu ihr sah, erkannte sie den Grund. Tammys Blick war auf Melinas linken Arm gerichtet. Melina zuckte zusammen.

»Du trägst immer noch eine Stulpe darüber?« Tammy riss sich von dem Anblick der grün-orange gestreiften Stulpe los und blickte hoch.

Melina nickte. Tammy war die Einzige, mit der sie über ihren Arm sprechen konnte. »Ich will nicht, dass man es sieht.«

Tammy nickte, doch man konnte ihr deutlich ihre Zerrissenheit ansehen.

Melina versuchte, gegen den Kloß anzukämpfen, der sich mit einem Mal in ihrem Hals befand. »Ich bin nicht so selbstbewusst wie du.« Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Wie sie das hasste! Warum musste sie auch immer wieder daran erinnert werden? Krampfhaft zwinkerte sie und schaffte es, die Tränen wegzublinzeln.

Tammy schien ihren Stimmungswandel bemerkt zu haben, sie lenkte vom Thema ab. »Also, was machen wir die nächsten Wochen oder Monate über?«

Über die Wortwahl musste Melina lächeln. »Du weißt, dass ich nicht sagen kann, wann ich wieder weg bin, oder?« Sie waren beide mit der Schule fertig und Melina hatte sich bisher nicht entscheiden können, was sie in Zukunft mit sich anfangen sollte. In den letzten Jahren hatte sie andere Dinge im Kopf gehabt.

»Klar.« Tammy unterbrach ihr Nachdenken. »Aber bis dahin können wir uns schließlich eine schöne Zeit machen.«

Melina nickte. »Ja, das machen wir. Ich möchte unbedingt an den See, und Eis essen. Und wir müssen diesen neuen Film im Kino sehen, der mit den Zwergen.«

»Bist du immer noch so verrückt nach dem ganzen Fantasy-Gedöns?« Tammy grinste.

Darauf ging Melina nicht ein. »Wie geht’s Mike?« Da die Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen in den letzten Jahren über Briefe stattgefunden hatte, kannte sie Tammys Freund nur von Berichten. Dabei waren die beiden bereits zwei Jahre zusammen. Dass sie ihn kennenlernen würde, hatte sie bis vor wenigen Tagen nicht ahnen können. Nichts in der Welt hätte sie freiwillig wieder nach Schäferhof verschlagen, wenn Tammy sie nicht letztendlich dazu gezwungen hätte.

»Ihm geht’s gut. Er muss heute Nachmittag zu seiner Oma. Demnach haben wir den ganzen Tag allein. Er kommt heute Abend mal vorbei.«

»Schön.« Am Marktplatz angekommen musste Melina schlucken. Alles sah aus wie damals, als sie überstürzt umgezogen waren. Es erinnerte sie an viele Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend. Von hier aus konnte man die Straße hoch auf ihr ehemaliges Elternhaus blicken. Als sie am Brunnen vorbeigingen, erinnerte sie sich an die letzte Begegnung mit ihren besten Freunden. »Hast du was von Daniel und Erik gehört?«

»Soweit ich weiß, arbeitet Daniel außerhalb von Ottery und Erik sogar in Rumänien.«

»Oh.« Insgeheim hatte Melina gehofft, die beiden würden noch bei ihrer Familie wohnen. Niedergeschlagen starrte sie eine Weile auf die Steinfigur, deren Wasserstrahl plätschernd im Becken aufkam. Der letzte Tag von den Sommerferien vor vier Jahren war schön gewesen. Daniel und Erik hatten am nächsten Tag wieder in ihr Internat gemusst.

Melina erinnerte sich genau. Sie waren Eis essen gewesen und danach hatte sich Daniel schon verabschiedet gehabt. Er musste noch Koffer packen. Erik und sie hatten lange auf der Bank beim Brunnen gesessen und geredet.

Ihre Wangen erwärmten sich. Sie war in Erik verliebt gewesen, doch das hatte sie niemandem erzählt. Damals wie heute war Melina zu ängstlich, um über ihre Gefühle zu sprechen.

»Kennst du noch Tracy?«

Melina schreckte aus ihren Gedanken und sah zu Tammy, die sie mit hochgezogenen Brauen musterte. Schnell nickte sie.

»Sie hat ein Stipendium bekommen und darf in Aachen studieren.«

»Nein, wirklich? Sie war doch nie so gut in der Schule.«

»Na ja, sie hat sich echt verändert.« Tammy begann von anderen ehemaligen Mitschülern der beiden zu erzählen und was aus ihnen geworden war.

Schließlich kramte sie aus ihrer Hosentasche einen Schlüssel hervor, sie waren angekommen. Melina bemerkte erst jetzt, dass sie das kleine Waldstück durchquert hatten. Tammy hatte sie absichtlich abgelenkt und Melina verspürte tiefe Dankbarkeit ihrer Freundin gegenüber. Trotzdem breitete sich eine Gänsehaut auf ihren Armen aus, als sie zurück zu den Bäumen sah.

»Wir sind da!«

»Tamara? Bist du das?«

Tammy zog eine Grimasse. Sie mochte ihren Namen nicht. »Ja. Wer sonst?«

Ihre Mutter kam aus der Küche und strahlte die beiden an. »Melina! Wie geht es dir? Es ist schön, dich wiederzusehen!«

Sie nahm Melina fest in den Arm und zog sie dann in die Küche. Am Esstisch sitzend vertieften sich die drei Frauen in Gespräche und so verging der Nachmittag schnell. Tammy hatte ein Talent dafür, ihr passierte Dinge auf äußerst unterhaltene Art und Weise darzustellen und nachzuerzählen. Melina hatte lange nicht mehr einen solchen Spaß gehabt.

»Und wie sind eure Jungs so?« Tammy lächelte.

Melina wusste natürlich, worauf ihre Freundin hinauswollte. Dennoch antwortete sie ausweichend: »Auch nicht anders als hier. Manche sind nett, andere eher nicht.«

Tammy wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht sofort nachhaken würde. »Du weißt genau, was ich meine. Stehst du auf jemanden?«

Ihre Mutter grinste genauso kindisch wie sie und Melina musste unwillkürlich lächeln. »Es gab da mal einen…«

Tammy lachte. Dann erzählte Melina von einem netten Jungen, der in ihrer Klasse gewesen war. Leider war aus den beiden nie etwas geworden. Und dann hatten sie sich nicht mehr gesehen wegen der Abschlussprüfungen. Insgesamt äußerst ernüchternd und Tammy plauderte bald schon wieder über etwas aus ihrem weitaus spannenderen Leben.

Um halb sieben klingelte es an der Tür und sie sprang mit leuchtenden Augen auf. »Das ist Mike.«

Sie eilte zur Tür und kam kurz darauf mit einem verflucht gut aussehenden Jungen zurück. Mist! Warum waren die guten, netten, super aussehenden Jungs vergeben? Melina lächelte, um ihren Frust zu überspielen.

»Hey, ich bin Mike.«

Er reichte ihr seine Hand und Melina nahm sie zögernd. Sein Händedruck war fest und hinterließ ein Kribbeln auf ihrer Hand. Verdammt! Sie würde sich doch wohl nicht in den Freund ihrer besten Freundin vergucken! Schnell versuchte sie, an etwas anderes zu denken. Leider wanderten ihre Gedanken immer wieder zu diesem hinreißenden Lächeln und den strahlenden Augen, die Tammy verliebt anschauten.

»Mikes Schwester ist einige Jahre älter und besitzt einen kleinen Klamottenladen im Dorf. Hast du vielleicht gesehen. Wie wär’s, lass uns morgen shoppen gehen, wir bekommen auch Prozente!«

Melina nickte und tat begeistert. Tammy mochte shoppen über alles und früher hatten sich die beiden stundenlang die lustigsten Sachen angezogen und Model gespielt. Doch mittlerweile hasste Melina es. Jeder Verkäufer guckte schräg auf ihre bunten Stulpen und wollte sie ihr abschwatzen. Da hatte sie ehrlich keinen Bock mehr drauf. Sie sah zu den beiden Turteltauben hinüber.

Mike zog gerade einen – äußerst verführerischen – Schmollmund. »Du magst mich nur, damit du billiger an deine Klamotten ran kommst.«

»Natürlich, mein Schatz.« Sie gab ihm einen Kuss und grinste kess.

Ihre Mutter unterbrach die beiden. »Ich bereite jetzt Abendessen vor. Zeig Melina doch, wo sie schlafen kann. Ich habe das Gästezimmer hergerichtet.«

Tammy nickte und zog Melina hinter sich her. »Du schläfst logischerweise nicht im Gästezimmer, sondern bei mir, ist doch klar. Sonst können wir ja gar nicht bis tief in die Nacht lästern wie früher.«

Melina lächelte. Lange hatte sie diese Gespräche vermisst. Umso mehr freute sie sich auf die kommenden Tage. Sie packte ihre Sachen aus und machte es sich auf dem Gästebett bequem, das Mike ihnen von nebenan ins Zimmer trug.

Der Abend verlief weiterhin schön, wenn man von Melinas verzweifelten Versuchen absah, nicht zu oft auf das Pärchen zu glotzen. Letztendlich verabschiedete sich Mike und Tammy brachte ihn zur Tür.

Melina ging derweil ins Bad, um sich fertigzumachen. Ihr Spiegelbild zeigte eine junge Frau, die ihre braunen Haare gestuft bis zu den Schultern trug. Ansonsten war sie blass und ungeschminkt. Sie putzte sich die Zähne und ging zu Tammy ins Zimmer. Seufzend setzte sie sich aufs Bett und wartete auf die Rückkehr ihrer besten Freundin. Hoffentlich würde ihre Vergangenheit sie nicht zu schnell einholen.

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