Melina schlüpfte in ihre Schuhe und verließ das Haus. Sie eilte im Regen die kleine Auffahrt hinunter auf den Wald zu. Kurz stockte sie. Die Bäume ragten finster vor ihr auf, der Wind ließ die Blätter rascheln. Der Weg führte in Schlangenlinien durch das kleine Waldstück, es war nicht weit bis zum Dorf. Und doch zögerte Melina, ihn allein zu betreten. Sie spürte eine riesige Faust, die sich um ihr Inneres schloss und unbarmherzig zudrückte.

Sie konnte in regelmäßigen Abständen Lampen erkennen. Die hatte es damals nicht gegeben. Ob sie nach dem Vorfall aufgestellt worden waren? Verdammt, los jetzt! Melina kaute auf ihrer Unterlippe und gab sich einen Ruck. Den Blick auf den Boden gerichtet und vor sich hin summend lief sie mehr, als das sie ging. Als sie endlich unter den freien Himmel trat, raste ihr Herz und sie wischte sich ihre feuchten Hände an der Hose ab. Erleichtert atmete sie durch und das beklemmende Gefühl tröpfelte allmählich aus ihr heraus. Ihre Uhr verriet, dass es acht Uhr war. Mist. Sie musste sich beeilen!

Keine fünf Minuten später erreichte sie den Brunnen, Stiche jagten ihr bei jedem Schritt durch die Seite. Ihr Atem ging schwer und ihre Augen huschten über den Platz. Es war niemand zu sehen. Wellen der Enttäuschung drohten sie zu überrollen. Er war nicht mehr da. Vielleicht war er gar nicht erst gekommen. Warum sollte er auch? Sie hatte sich all die Zeit nicht bei ihm gemeldet. Diese Gedanken vertrieben alles andere aus ihrem Kopf und hinterließen einen wohlbekannten Schmerz. Alle hatte sie abgewiesen, niemanden an sich herangelassen. Vermutlich war es besser so. Und trotzdem spürte sie den Kloß in ihrem Hals und die Tränen, die ihr über die Wangen liefen.

Verloren setzte sie sich auf die Bank. Der Regen prasselte unnachgiebig auf sie hinab. Warum hatte sie sich nicht früher entschlossen, zu dem Treffen zu kommen?

»Scheiße!« Sie fluchte vor sich hin und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

»Melina?«

Erschrocken ruckte ihr Kopf hoch. Ein verdatterter und trockener Erik stand vor ihr. Er hielt einen Regenschirm über sich.

Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er sie von oben bis unten betrachtete. »Du siehst aus wie ein begossener Pudel.«

Sie musste lächeln.

»Tut mir leid, ich musste Mal für kleine Jungs.« Er bot ihr seine Hand an und sie zog sich an ihr hoch. Glücklicherweise merkte er im Regen und Halbdunkeln nicht, dass sie geweint hatte. Ein kühler Wind kam auf und sie spürte, wie sie zu zittern begann.

Erik schien es ebenfalls zu bemerken, sein Grinsen wich einem besorgten Gesichtsausdruck. »Komm, lass uns erst einmal ins Trockene gehen.«

Sie nickte und zusammen gingen sie zu einem kleinen Café. Melinas Arm berührte ab und an Eriks Körper, da sie dicht gedrängt unter dem für zwei Personen zu kleinem Schirm gingen. Sie genoss es und ignorierte die größer werdende Furcht in ihrem Inneren vor dem kommenden Gespräch.

In dem Café setzten sie sich in eine kleine, gemütliche Nische und Erik ging zum Tresen. Sie starrte ihm nach. Was sollte sie ihm erzählen, wenn er sie ausfragen würde? Sie konnte es ihm nicht sagen, auf keinem Fall. Dafür war die Überwindung viel zu groß. Bevor sie zu stark ins Grübeln abdriften konnte, kam er zurück.

Er stellte zwei dampfende Tassen ab. »Damit du dich wieder richtig aufwärmen kannst.«

Sein Strahlen und der durchdringende Blick ließen Schauer über ihren Rücken laufen. Er sah gut aus. Seine braunen, leuchtenden Augen blickten sie an. Sie verlor sich in ihnen. Unwillkürlich musste auch sie lächelnd und als sie sich besann, sagte sie rasch: »Danke.«

Sie saßen sich gegenüber und schwiegen. Nachdem Melina ihren Blick von seinem Gesicht loseisen konnte, wanderte er über seinen Oberkörper und allem, was sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Er war wirklich muskulös im Gegensatz zu früher. An diesem Abend trug er ein beiges T-Shirt, das ihm eng an seinem Körper anlag.

»Hab ich mich stark verändert?«

Sie schreckte hoch und merkte, wie die Röte in ihr Gesicht aufstieg. Er schmunzelte und sie bemerkte seine ebenfalls prüfenden Blicke, die über ihr Gesicht und ihren Körper glitten. Sie spürte ihr Gesicht glühen und nahm schnell die Tasse in die Hand. Verflucht, war das heiß! Um sich nichts anmerken zu lassen, trank sie trotzdem einen Schluck von dem heißen Kakao. Prompt verschluckte sie sich und hustete.

»Achtung, heiß. Geht’s denn?«

Sie nickte und schaute in sein besorgtes Gesicht. Seine Frage von vorhin hatte er offenbar vergessen und sie erinnerte ihn lieber nicht daran.

»Wie geht’s dir denn so?« Erik lächelte.

War da mehr in seinem Blick? Melina konnte es nicht sagen, doch rutschte sie unruhig auf ihrem Platz umher. Noch schaffte sie es, zu lächeln. »Ich kann mich nicht beklagen. Und dir?«

»Auch. Ich habe glücklicherweise gerade Semesterferien.«

»Schön. Wo und was studierst du denn?«

»In Dänemark, Elektrotechnik.«

»Klingt gut.«

»Ja, ist es auch. Mit guten Jobchancen danach. Wo wohnst du denn im Moment? Also wenn du nicht bei Tammy bist.«

»In Köln.«

»Ah. Und, wie ist das Stadtleben?«

»Ganz okay. Viel lauter und hektischer, aber man gewöhnt sich daran.«

Wieder nickte er. Dann wurde er ernst und sie spürte, dass es jetzt so weit war. Er versuchte, seiner Stimme einen beiläufigen Ton zu verpassen, aber sie konnte es in seinen Augen sehen. »Warum seid ihr damals so schnell fortgezogen? Wir waren ja nur zwei Monate weg.«

Ihr Blick senkte sich zu Boden. Was sollte sie ihm antworten? Sie wich der direkten Frage aus. »Hat Tammy euch denn nichts erzählt?«

Sein Blick verfinsterte sich. »Sie sagte nur, dass deine Eltern aus beruflichen Gründen wegmussten.«

Sie nickte, dankbar für Tammys Hilfe.

Doch das genügte ihm nicht. »Aber ich dachte, deine Mutter wäre zufrieden mit ihrem Job für die Dorfzeitschrift? Und dein Vater musste doch eh immer in die nächste Stadt fahren zum Arbeiten. Warum musstet ihr denn auf einmal weg?«

Er schien es sich genau überlegt zu haben. Natürlich hatte er das! Sie schalt sich einen Narren. Er hatte Jahre lang Zeit gehabt, sich solche Fragen auszumalen.

Sie sagte ihm das, was sie auch allen anderen gesagt hatte, die von unserem Umzug mitbekommen hatten. »Na ja, die Firma von meinem Vater hat ihren Standort verlegt und deshalb mussten wir nach Köln ziehen, damit er den Job nicht verliert.«

Erik nickte, doch sie konnte den Zweifel in seinen Augen sehen. Sein Blick wurde flehend und seine Stimme drängend. »Warum hast du dich nie gemeldet?«

Sie sah ihn an, wusste, dass sie wirken musste wie ein Kaninchen vor der Schlange. Doch was sollte sie sagen? Sie hatte damals allen Kontakt abbrechen wollen, nur mit Tammy hatte sie geschrieben. Hatte immer Angst gehabt, dass ihre Vergangenheit sie einholte. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder und blickte stumm auf den Tisch.

»Wenn du nichts mehr mit uns zu tun haben wolltest, kannst du mir dann sagen warum? Wir waren so geschockt gewesen, als du auf einmal weg warst. Ohne Nachricht, ohne alles. Wir… ich habe dich vermisst.« Seine Stimme war leise geworden.

Sie spürte mit jeder Sekunde ihr Herz schneller schlagen. Dann kamen die Tränen. Sie konnte sie nicht zurückhalten. Seine Worte hatten ihr Herz durchbohrt.

»Was ist denn los?«

Sie sah ihn an und stockte.

Sein Gesicht spiegelte eine Unmenge an Emotionen wider. Er schaute überrascht, aber auch traurig. Und was sich tief in ihre Seele brannte, war die Enttäuschung.

Langsam schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir leid.« Es brach aus ihr heraus und sie stand ruckartig auf. »Es geht einfach nicht.« Und damit rannte sie hinaus. Sie hörte ihn undeutlich ihren Namen rufen, aber sie wollte einfach nur noch hier weg.

7730cookie-checkH.U.R.E – Kapitel 4